Synchroneiskunstlauf-WM startet in Salzburg – Österreichs Colibris Vienna vor dem großen Auftritt
Die Bühne ist bereitet: In der Salzburgarena kämpfen ab heute 22 Teams aus 17 verschiedenen Ländern um den Weltmeistertitel im Synchroneiskunstlauf. Für Österreich gehen die Colibris Vienna ins Rennen – ein Team, das nach einer intensiven Findungsphase seine erste komplette Wettkampfsaison bestreitet. Am heutigen Freitag um 17 Uhr stehen die Kurzprogramme an, die Kür folgt am Samstag um 15 Uhr.
„Die häufigste Frage ist eigentlich: ‚Ah, was ist das? Und wie kann man sich das vorstellen?‘“, erklärt Colibris-Kapitänin Katharina Grantner. Ihre Antwort: „Ich sag immer: Es ist Eiskunstlauf, aber im Team.“ Diese Beschreibung trifft den Kern einer Sportart, die in Österreich noch immer um Aufmerksamkeit kämpft, international aber längst etabliert ist.
Eine Sportart zwischen Geometrie und Emotion
Synchroneiskunstlauf ist ein faszinierender Mix verschiedener Disziplinen: Sprünge wie im Einzel, Hebefiguren aus dem Eistanz und Todesspiralen vom Paarlauf. Ein Team besteht aus 20 Eisläuferinnen, von denen 16 gleichzeitig die Choreografie auf der Eisfläche ausführen. Das Besondere sind die verschiedenen Formationen – acht Pärchen, vier Viererlinien oder zwei Achtergruppen bilden geometrische Muster auf dem Eis.
Die präzise Ausführung erfordert enormen Aufwand. „Es beginnt mit den Schritten. Die müssen alle passen und auf die Musik abgestimmt sein“, so beschreibt Grantner die Komplexität. Das Timing müsse stimmen, verschiedene Lerntypen – manche musikalisch orientiert, andere zählend – müssten synchronisiert werden. „Und das ist jetzt mal nur der Unterkörper. Der Oberkörper ist nochmal etwas anderes.“
Die Detailarbeit ist beeindruckend: Die Colibris trainieren viermal wöchentlich auf dem Eis plus Trockentraining. Mit Spiegeln wird die Körperhaltung perfektioniert. „Wenn man nur sagt ‚Arm hoch‘, gibt es 16 verschiedene Varianten“, verdeutlicht die Kapitänin die Präzisionsanforderungen.
Österreichs Pioniere und ihre bescheidenen Anfänge
Die Geschichte des österreichischen Synchroneiskunstlaufs begann in den 2000er Jahren in Salzburg mit Sweet Mozart, dem ersten heimischen Team. Die Anfänge waren improvisiert: Kostüme wurden spontan im Geschäft gekauft, die Nationalflagge aus einem rot-weiß-rot besprühten Bettlaken gebastelt.
„Wir waren ein bunter Haufen ohne Ahnung. Wir waren wie die jamaikanische Bobmannschaft“, erinnerte sich Pionierin Carmen Kiefer, heute Salzburger Verbandspräsidentin und Chefin des WM-Organisationskomitees.
Heute betreiben zehn Teams in verschiedenen Alters- und Niveaustufen die Sportart in Österreich – in Salzburg, Wien, Wiener Neustadt, Traun und Eisenstadt. Die Colibris Vienna, die hinter dem Verein Sportunion International Ice Skating Club Austria stehen, repräsentieren die Weiterentwicklung dieser Anfänge.
Was bedeutet das für die heimischen Fans?
Für österreichische Eissportfans bietet diese WM eine einmalige Gelegenheit, eine spektakuläre, aber hierzulande wenig bekannte Disziplin kennenzulernen. Die Übertragung auf ORF Sport+ macht die Sportart einem breiteren Publikum zugänglich – ein wichtiger Schritt für die weitere Entwicklung. Die Heimpräsenz könnte dem Synchroneiskunstlauf in Österreich den nötigen Schub geben, um mehr Nachwuchs zu gewinnen und die Vereinslandschaft zu erweitern.
Stimmen vor dem großen WM-Auftritt
Das österreichische Team zeigt realistische Erwartungen: „Wir haben keine konkrete Platzierung im Kopf. Wir wollen unser Bestes zeigen und schauen, dass keine großen Fehler passieren“, erklärt Grantner die Zielsetzung. Die emotionale Komponente steht im Vordergrund: „Wir werden vor vielen Freunden und Familien laufen. Ich glaube, das wird schon recht emotional.“
Die Altersstruktur des Teams spiegelt die Vielfalt der Sportart wider: Die jüngste Athletin ist 17, die älteste 33 Jahre alt. Viele kommen aus dem Juniorenbereich oder dem Einzellauf – eine Mischung verschiedener Eissport-Backgrounds.
Internationale Dominanz und heimische Ambitionen
Die Favoritenrolle liegt klar bei den etablierten Nationen. Die Helsinki Rockettes aus Finnland sind Titelverteidigerinnen, zuvor dominierten Les Supremes aus Kanada mit drei aufeinanderfolgenden Titeln. Die Haydenettes aus den USA und das schwedische Team Surprise mit sechs WM-Titeln unterstreichen die nordamerikanische und skandinavische Vormachtstellung.
Diese Dominanz spiegelt die historische Entwicklung wider: In den 1950er Jahren entstanden in Nordamerika und Skandinavien die ersten Teams. Die erste WM im Synchroneiskunstlauf 2000 in Minneapolis gewann Team Surprise aus Schweden – ein Erfolg, der die weitere Entwicklung der Sportart prägte.
Olympische Träume und neue Formate
International arbeitet die Synchroneiskunstlauf-Gemeinschaft am großen Ziel: der Aufnahme ins Olympiaprogramm. In Salzburg wird dafür das neue Format „Synchro 9“ mit weniger Läuferinnen demonstriert – ein kompakteres Format, das olympische Ambitionen unterstützen könnte. Die Sportart wird „immer akrobatischer und kreativer“, wie Beobachter feststellen.
Für die Colibris Vienna und den österreichischen Synchroneiskunstlauf insgesamt ist diese Heim-WM ein Meilenstein. Die internationale Aufmerksamkeit, das Heimpublikum und die Medienberichterstattung können der Sportart hierzulande neuen Auftrieb geben. Ob das österreichische Team sportlich überraschen kann, bleibt abzuwarten – die Grundlage für eine erfolgreiche Präsentation ist jedenfalls gelegt.